Bokeh Panoramen oder Brenizer

Bokeh Panoramen (Brenizer)

Hallo liebe Leser, mein Name ist Borys Las-Opolski, ich bin hauptberuflich Senior Artist 3D im Bereich Online-Gaming und seit Ende 2010 begeisterter Hobbyfotograf aus Hamburg und schreibe hier einen Gastartikel.

Mein Spezialgebiet im Bereich Fotografie sind die sogenannten Bokeh Panoramen, auch genannt “Bokehrama” oder “Brenizer” (nach dem Fotografen “Ryan Brenizer” benannt, der diese Technik in der Hochzeitsfotografie bekannt gemacht hat).

Ich möchte versuchen in diesem Artikel den Zweck und die Wirkung eines solchen Panoramas zu erörtern. Anschließend möchte ich Euch auch eine Anleitung, sowie Tipps & Tricks zu dieser Methode nahebringen.

Bokeh-Panorama, Bokehrama oder “Brenizer”

Ein sogenanntes Bokeh-Panorama, simpel erklärt, ist ein mehrreihiges Panorama aus mehreren Einzelbildern mit geringer Schärfentiefe.

Ein zum Einstieg mal ein Beispiel mit meinem Fahrrad am Hamburger Rathaus

Bilddaten: Canon 5D Mk II, Canon EF 135 2.0L, Blende 2.8, 1.3 Sekunden Belichtungszeit und 8 Bilder (43 Megapixel) vom Stativ. Gestitcht mit Adobe Photoshop CS3 (Funktion Photomerge).

Sinn und Zweck eines Bokeh Panoramas ist die Erzielung der speziellen Bildwirkung eines unscharfen, weitwinkligen Hintergrundes und einem möglichst scharfen Hauptmotiv. Diese Bildwirkung wird durch das Anfertigen von mehreren Bildern und dem anschließenden Zusammenfügen in einer Spezialsoftware für Panoramen erzielt.

Zur Methodik:

Grundsätzlich wird bei voreingestellter (möglichst offener) Blende, angemessener Belichtungszeit, auf das Hauptmotiv manuell vorfokussiert und anschließend in 3-4 Zeilen und 3-4 Reihen mit leichter Überlappung drum herum aus der Hand abfotografiert.

In der Nachbearbeitung kann man die Einzelbilder dann mit einem beliebigen Panorama-Stitching-Programm zusammenrechnen lassen.

Zu empfehlen sind Hugin, Microsoft ICE sowie Autopano von Kolor. Wenn man ein Photoshop ab CS3 zur Hand hat, dann kann man auch die “Photomerge” Funktion verwenden.

Die besten Ergebnisse werden mit dem großen Bildsensor einer handelsüblicher Digitalspiegelreflexkamera (ab der Sensorgröße APS-C) und einem lichtstarken Objektiv (besser oder gleich Blende 2.8) im Telebereich (ab 85mm) aus 8-32 Einzelbildern erzielt.

Ich persönlich fotografiere Bokeh-Panoramen am liebsten mit einer Canon 5D MKII und dem Sigma 85mm 1.4 HSM oder dem Canon EF 135mm 2.0L.

Schritt-für-Schritt Anleitung:

1. Belichtung und Blende im “M-Modus” und ggf. Weißabgleich manuell einstellen.
2. Bildausschnitt im Kopf verinnerlichen
3. Auf das Hauptmotiv fokussieren
4. Mit der Kamera aus dem Handgelenk (oder vom Stativ) schwenken und links oben anfangen und rechts unten aufhören. Am Anfang empfehle ich 4 Reihen à 4 Bilder.
5. Anschließend werden die Einzelbilder ggf. in der Bildbearbeitung angepasst und zusammengefügt.

Veranschaulicht sieht das Ganze dann so aus:

Aus den 16 Einzelbildern wird dann das finale Bild mit knapp 40 Megapixeln zusammengerechnet.

Fakten & Erfahrungswerte :

Die Brennweite, die Blende und die Entfernung zum Motiv bestimmen die Hintergrundunschärfe im Bild. Das gilt auch für ein Bokeh Panorama.

Zudem bestimmt die Entfernung und die Bildanzahl auch die virtuelle Brennweite und somit die Plastizität des Endresultats.

Je näher man dran ist, desto grösser wird die Plastizität und Unschärfe des Endresultats. Allerdings sind dann auch mehr Einzelbilder nötig, um ein grosses Motiv abzubilden.

Bei Nahdistanz zum Motiv, ist auch die Höhe der Kamera im Vergleich zum Motiv zu beachten: Je höher sich die Kamera im Vergleich zum Motiv befindet, desto miniaturisierter wirkt das Motiv im Gesamtbild. Umgekehrt gilt: Je tiefer die Kamera-Höhe, desto erhabener wirkt das Motiv…

Oft lohnt es sich nicht, direkt bei Offenblende zu fotografieren. Leicht abgeblendet erreicht fast jedes Objektiv eine gute Schärfenzunahme im fokussierten Bereich.

Ich fotografiere meine Panoramen grundsätzlich aus der Hand. Man sollte zu Anfang am Besten einen Überlappungsbereich von 30-40 % anstreben. So ist man definitiv auf der sicheren Seite. Ein Nodalpunktadapter auf einem Stativ ist sehr hilfreich, aber meist sehr zeitaufwändig einzustellen und langwierig zu bedienen. Im Falle der Fahrradbilder war es schon dunkel und da hohe Qualität
angestrebt war, wurde natürlich vom Stativ fotografiert.

Lohnt sich der Aufwand überhaupt ?

Nun wird sich das ungeschulte Augen fragen: Warum nimmt man z.B. nicht einfach ein weitwinkliges Canon EF 35mm 1.4L oder EF 24mm 1.4L und fotografiert das Motiv offenblendig? – Dann hätte man ja ohne viel Aufwand ein weitwinkliges Einzelbild mit Motiv und viel Hintergrund drum herum!

Antwort: Ja, man hätte zwar ein scharfes Hauptmotiv, aber der Hintergrund wäre lange nicht so schön verschwommen wie in einem zusammengesetzen Bokeh-Panorama.

Gegenüberstellung 35L versus 135L mit Bokehpanorama

Einzelbild mit Canon 5D MKII, Canon EF 35mm 1.4L bei Offenblende aus 2 Metern Entfernung.

Und im Vergleich dazu das Bokeh Panorama mit gleicher Kamera und Canon EF 135mm 2.0L bei Offenblende f2.0 aus 5.8 Metern Entfernung und 9 Bildern. Hier habe ich zwar nicht ganz den Bildausschnitt vom Canon EF 35mm 1.4L erreicht, aber bei einer Entfernung von 3-4 Metern und ein paar Bildern mehr, könnte man durchaus denselben Ausschnitt mit noch mehr Unschärfe im Hintergrund bekommen.

Weiterer Einwand?: Wenn man schon ein lichtstarkes Objektiv zur Hand hat: Warum fotografiert man das Hauptmotiv nicht einfach aus größerer Entfernung mit Offenblende ? Dann hätte man ja trotzdem eine schöne Freistellung und einen schön unscharfen Hintergrund ?

Antwort: Ja, man hat eine schöne Freistellung und einen unscharfen Hintergrund, aber der Hintergrund hinter dem Hauptmotiv wird durch die Telewirkung stark vergrößert und es wird somit nur ein kleiner Ausschnitt der Gesamtszene auf dem Einzelbild sein. Bei einem Bokeh Panorama hat man beim Aufnehmen und auch in der anschließenden Nachbearbeitung die Wahl, wieviel Hintergrund mit auf das Bild soll.

Gegenüberstellung 135L als Einzelbild versus 135L mit Bokeh-Panorama:

Ein Einzelbild mit der Canon 5DMKII und dem Canon EF 135mm 2.0L bei Offenblende aus 17m Entfernung.

Nochmal das Bokeh Panorama aus 5.8m Entfernung und 9 Bildern. Die Bokeh Unschärfe ist sehr ähnlich, aber der Bildausschnitt ist viel grösser und der Hintergrund hinter dem Rad wirkt nicht so Groß wie beim Einzelbild.

Fazit:

Zusammengefasst kann man bei der Methode viele Vor- und nur wenige Nachteile feststellen:

Vorteile:

  • Weitwinklige Aufnahmen mit niedriger Schärfentiefe sind möglich
  • Durch die vielen Einzelbilder wird pro Bild mehr “Dynamik” vom Bildsensor aufgezeichnet.
  • Ein Bild-Look wie von Kameras mit viel größeren Sensoren (Vollformat, Mittelformat, Großformat) wird ermöglicht.
  • Durch die Motiventfernung und Einzelbildanzahl können Bildausmasse und Plastizität des Bildes gezielt gesteuert werden.
  • Durch die Bildanzahl kann auch die Ausgabegrösse beliebig skaliert werden. So sind auch Gigapixelpanoramen denkbar.
  • Das Aufnehmen von Bokeh Panoramen regt den Fotografen zu mehr Gedanken über Bildgestaltung und Komposition an.
  • Bei engen Platzverhältnissen oder sehr geringen Abstand zum Motiv, kann man durch ein (Bokeh-)Panorama trotzdem den gewünschten Bildausschnitt erzielen.
  • Bei schlechten Lichtverhältnissen sind gut und gerne ISO 6400 einsetzbar. Bei einem zusammengesetzten Panorama aus 16 Bildern mit je 21 Megapixeln und anschließender Runterskalierung, kann man das Rauschen auf knapp ein Viertel reduzieren.

Nachteile:

  • Mehr Aufwand in der Nachbearbeitung der Bilder.
  • Der Ausschuss kann bei fehlerhafter Ausrichtung, beim falschen Schwenken oder bei “vergessenen” Bildbereichen oder bei zuwenig Überlappung sehr hoch sein.Ein wenig Übung ist hier empfehlenswert.
  • Grundlagen der Komposition müssen hier in einem grösseren Massstab festgelegt werden. Ein grösserer Bildausschnitt muss hier im Kopf im Einklang mit dem Auge gebracht werden.
  • Bokeh-Panoramen können von der Datenmenge sehr gross werden. Auf jeden Fall ist ein moderner Computer und genügend Festplattenspeicher erforderlich.

Zum Abschluss

Ich wünsche Euch viel Spaß beim ausprobieren! Besucht meine Webseite lichtfusion.net, um Euch meine weiteren Arbeiten aus diesem Bereich anzuschauen.

Anbei zeige ich noch ein paar meiner Lieblingsarbeiten mit dieser Methode.

14 Antworten
  1. Oskar
    Oskar says:

    Wahnsinns Bilder, keine Frage :)
    Aber wie hast du das Pferd oder die Dame auf dem Baum so gut hinbekommen? Ein Pferd bewegt sich ja hin und wieder auch mal oder lassen sich geringe Bewegungen mit dieser Methode gut korrigieren?

    Ich mache auch gerne HDR Bilder, zusammengesetzt aus einer Belichtungsreihe aus 3-5 Bildern und da fällt jede Bewegung sofort auf :(

    Antworten
    • Borys
      Borys says:

      Hallo Oskar,

      sofern ich mich erinnern kann ist das Pferd auch ein HDR! Ich hab im Bereich Pferdekörper mit ein paar Bildern aus der 3-er Belichtungsreihe bedient… mir fällt aber nicht mehr ein ob ich jetzt 60, 120 oder 140 Bilder mit Mordsgeschwindigkeit gemacht habe. Grundsätzlich muss man das Pferd vorher auspowern und es muss sehr unmotiviert sein (wie man ja auf dem Bild sieht) Dann nur noch abwarten bis das Pferd etwas interessantes fixiert, dann ist es meist für eine längere Zeit wie gebannt.

      Antworten
  2. Sebastian
    Sebastian says:

    Danke für deine Anleitung – aber ich hatte trotzdem nicht den Eindruck das es sich lohnt. Schließlich fand ich an deinem Fahrrad-Beispiel das auch das “normale” Foto gut aussieht.

    Aber anhand deiner weiteren Beispiele konnte ich erkennen, das man hier wesentlich bessere Schärfe bzw Unschärfe erzeugen kann.

    Meine Frage ist aber, hätte das nicht auch mit einer kleinen Blende ermöglicht werden können?

    Antworten
    • Borys
      Borys says:

      Hallo Sebastian,

      es geht ja garnicht darum, ob es sich lohnt oder nicht. Anhand des Fahrrads wollte ich natürlich nur verdeutlichen was der Effekt bringt. Das Einzelbild sieht natürlich schon gut aus, aber der entscheidende Unterschied ist, dass ich mehr von der Szenerie mit gleicher Unschärfe draufbekomme. Stell Dir eine Szene vor die Du ablichten musst: Model vor unruhigem Hintergrund und Du willst möglichst viel von der Szene drumherum draufhaben (z.b. Lichter, markante Gebäude im Hintergrund). Du hast aber 1. kein Platz nach hinten um vielleicht aus 15 m Entfernung das Bild aufzunehmen und Du möchtest das Model erheblich stärker freistellen und das Hintergrundbokeh ruhig halten. Also fällt schonmal ein Weitwinkel mit z.b. Blende 1.4 weg (unruhiges Bokeh garantiert). Also machst Du ein Multirow Panorama. Klar sieht ein Einzelbild vielleicht auch gut aus, aber du willst z.B. unbedingt eine perspektivisch interessante Brücke, die sich in den Vordergrund krümmt als Element mit im Bild haben… Also machst Du ein Pano.

      Was meinst Du mit kleinere Blende ? Die Objektive wurden schon bei Offenblende verwendet, also am machbaren Maximum, und es sind schon die fast lichtstärksten Objektive, die weltweit erhältlich sind…

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  5. [Technik] Brenizer « knizzful sagt:

    [...] nun auf den Geschmack gekommen ist und mehr darüber erfahren bzw. lernen möchte, kann sich u.a. hier oder hier informieren. Share this:TwitterFacebookGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post [...]

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